Dräng mich nicht..

Dräng' mich nicht zu vergeben und zu vergessen

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Jede, die versucht über emotionale Gewalt hinweg zu kommen, hat bestimmt schon einmal gesagt bekommen: „Oh, vergib, vergiss und komme bald drüber hinweg!“

Was für eine Ohrfeige ins Gesicht. Beim Beschreiben meiner Reise der Heilung von narzisstischen Missbrauch in „Narzissmus trifft Normalität“ in der Huffington Post, kommentierten angepisste Leser dies regelmäßig. Ich wette, dass haben alle schon gehört. Dann lass uns drüber reden, nicht wahr? 

Komm drüber weg!

Sagen wir ein betrunkener Autofahrer hatte dich am Kopf getroffen, du bist im Krankenhaus und heilst diverse Verletzungen aus. Da kommt ein Familienmitglied ins Krankenhauszimmer gewalzt, nimmt die Hände in die Hüften, zieht eine Miene mit ungeduldigem Gesichtsausdruck und spricht: „Komm, raus hier!“ „Hopp, hopp! Raus dem Bett! Vergiss das Ganze und geh zur Tagesordnung über.“

Das ist grausam, würde man sagen. Das ist inhuman. Ja, das ist es. So, warum ist es dann in Ordnung Opfern emotionaler Gewalt dies zu sagen?

 

Das Herz heilt langsam

Offen gesagt, ich vergaß (dankenswerter Weise) die paar Male, dass ich auch physische Gewalt erlebt hatte. Faustschlag. Klatscher quer durch das Gesicht, Reißen an meinen Haaren,… Finger, die sich in meine Arme krallten. Füße und Schenkel wurde geschlagen…hart.

Aber wie schmerzhaft die Schläge auch waren, sind sie nicht mit der Qual der Schläge einer ätzenden Sprache von Narzissten zu vergleichen. Diese Wunden blieben für Jahrzehnte offen, besonders solange ich erniedrigt und dümmlich ihren Mist glaubte. Die Wunde kann eine krustige Schicht an Selbstschutz entwickeln, aber unten drunter liegt noch Schlammiges.

Ich kann nur leben, soweit ich denken kann

 

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich kann nicht heilen, wenn ich es nicht verstehe. Deshalb sage ich oft: „Ich kann nur so weit leben, wie ich denke.“ Ja sicher, es gibt Leute, die scheinen mit einem Schulterzucken verbalen Missbrauch abzuschütteln, indem sie es in die Schublade „Unsinn“ ablegen und einfach weiterleben. Nach meiner Meinung sind das gerade die am meisten verletzten Leute. Sie machen nicht ihre „inneren Hausaufgaben“. Anstatt den Missbrauch aufzuarbeiten, kehren sie ihn unter den Teppich. Sie gehen durch diese Dysfunktionalität durch und brechen diese gar an die nächste Generation herunter. Ich weiß es. Ich habe es durchlebt.

 

Deshalb studieren wir das Thema Narzissmus tagein tagaus. Um es umgekehrt aufzurollen. Um es zu verstehen.

 

Was wir tun, finden wir es oft unheimlich unwichtig und irrational. Aber nur dann können wir den Unsinn über Bord werfen und das wahre Selbstbild aufbauen. Dann können wir wahrhaft sagen: „Ich habe die Verantwortung bis hierher übernommen.“  - und mit einer glücklichen, gesunden Familie starten.

 

Der Teufel steckt im Detail

Es sind Details, Details, Details. Die heilsamsten Erfahrungen für mich waren das Lesen von echten Lebensgeschichten von narzisstischem Missbrauch. Es munterte mich auf, wenn kleine, merkwürdige, scheinbar unbedeutende Details die Erinnerungen an mein eigenes Leben hoch holten. Es waren Details, die mich überzeugten, dass ich wirklich in einer narzisstischen Familie über Generationen hinweg groß wurde.

Darum teile ich die kleinsten, verrücktesten, lebensechten Details in meinen Artikeln. Und rate mal, was passiert: Das sind die Artikel, die die meisten Klicks, die meisten Kommentare, Trigger und Aha-Erlebnisse auslösen.

 

 

Lustig oder wütend?

Einige Leser finden meine Artikel hysterisch.

„Ich lach mich zu Tode“, ist ein beliebter Kommentar.

Aber dann gibt es Lesende, die bringen mich zu einem neuen Artikel…wie das Mädchen, das sagte: „Lenora, dein Schreibstil suggeriert, dass du noch ganz schön wütend bis auf deine Eltern.“

Rate mal!

Wut ist ok. Ja, Wut ist wirklich ok. Das ist die Warnsirene des Herzens, die signalisiert, dass was falsch läuft….sehr falsch läuft. Psychologen sehen das unterschiedlich, aber viele halten Wut für eine zweite Emotion, eine, die Schmerz versteckt. Das ist so wahr! Tränen sind nie weit entfernt, wenn ich Gefahr laufe, verrückt zu werden.

Mensch! Jetzt verstehe ich, dass es in Ordnung war für Jesus, dass er angepisst war (Matthew 21:12-13Mark 11:15-18; John 2:13-22), …dann ist es für dich und mich auch ok auszurasten…mit guten Gründen.

 

 

Was ist mit Vergeben?

Ich werde es wissen lassen, wenn ich dahin gelangt bin. Ich bin noch nicht so weit. Drängele nicht! Wenn ich einen Schritt auf diese Heilungsreise mache, bin ich gut beieinander und aufgeräumt. So dränge bitte nicht!

Und beeile dich selbst auch nicht!

Die Wahrheit ist: Wenn ich nicht verstehe, was ich vergeben soll, werde ich niemals heilen.

Erinnern wir uns an die fünf Stufen der Trauer, die Dr. Karyl McBride in ihrem wundervollen Buch „Werde ich je genügen? Heilung von Töchtern narzisstischer Müttern“ (Will I Ever Be Good Enough?: Healing the Daughters of Narcissistic Mothers) beschrieben hat:

1.    Verleugnung

2.    Wut

3.    Aushandeln

4.    Depression

5.    Akzeptanz

 

Vergessen? Um keinen Preis!

Täuscht mich ein Millionen Mal und schämt euch, Ihr Narzissten.

Täuscht mich ein Millionen und ein Mal, dann schäme ich mich selbst.

Den Mist werde ich nicht vergessen! Ich haben Tabellen mit 432 datierten, protokollierten und kategorisierten Geschehnissen, Aussagen und Missbräuchen gemacht, um es zu beweisen.

Das ist, was ich mache

Ich schreibe über Narzissmus. Das ist es, was ich mache. Es ist mein Hobby, meine Leidenschaft und meine Karriere.

 

2001 fing ich ein Psychologie-Studium an, weil ich unglücklich war. I wusste, dass etwas falsch lief, aber ich hatte keine Idee, was es war. Ich bemühte mich, glücklich zu sein. Ich wurde angewiesen, glücklich zu agieren, so tat ich es. Ich bewegte mich glücklich, sprach glücklich und lächelte glücklich. Aber ich war nicht glücklich.

Ich war es nicht, bis 2013 mein wundervoller Ehemann mir dabei half, das auf meiner Suche herauszufinden. Zusammen entdeckten wir Narzissmus. Und in den folgenden Jahren studierte ich acht, 10, 12 Stunden am Tag, machte Notizen und schrieb unendliche Berichte. Das ist mein Traum, der wahr wurde. Über Narzissmus und all seine verrotteten Genossen zu schreiben,…so können wir zusammen heilen.

 

Hassende müssen hassen

Ich wette, auch ein Blog über Sonnenschein, Wolken und Kaninchen bekommt hässliche Kommentare. Warum sollte es bei dem Thema anders sein?

 

Mein Lieblingskommentar – und den bekomme ich wirklich oft – ist, dass ICH der Narzisst wäre. Das bringt mich immer zum Lachen.

Es ist das alte Pingpong-Spiel. Wenn du wagst, einen Narzissten Narzisst zu nennen…dann sei bereit für das, was zurückkommt! Es ist nur die Erwachsenenversion des alten Kinderspiels: „ Ich weiß, wer DU bist, wer bin ICH?“ Sehr reif, wow!

 

Kurs halten

Du hast den Kurs der Heilung ins Auge gefasst. Komme nicht vom Pfad ab. Beeile dich nicht zu vergeben. Du beraubst dich deiner eigenen Heilung.

Du wirst wahrscheinlich nie komplett „darüber hinweg kommen“ und das ist gut so. Einige unserer besten Tugenden - Stärke, Demut und Liebe - sind die besonderen Eigenschaften, auf die es Narzissten abzielen und die uns in ihren Sumpf gezogen haben.

Auf keinen Fall vergessen!

 

Lenora Thompson (aus dem Englischen übersetzt von Emma Kober) 

 

Quelle: http://blogs.psychcentral.com/narcissism/2016/04/forgive-forget/

 

 

 Über Lenora Thompson

 

 

Lenora Thompson ist freie Journalistin für die Huffington Post und Holzbrand-Künstlerin. In ihrem Blog „Narzissmus begegnet der Normalität“ („Narcissism Meets Normalcy“) beschreibt sie ihre wahre Lebensgeschichte, eine Flucht in jüngster Zeit aus der Geiselhaft einer Generationen übergreifenden, sektenhaften, narzisstischen Familie. Mit offenem, beißenden Humor und Sarkasmus beschreibt sie mutig und realistisch, was sie erlebte. Lenora Thompson sieht sich selbst als „whistleblower“, die eine Schlaglicht auf narzisstischen Missbrauch wirft, so dass auch andere anfangen, ihre Freiheit und die Erfahrung von Heilung zu machen. Hier ihre Webseite: http://www.lenorathompsonwriter.com

 

Der Artikel ist nur zur Information und hat aufklärerische Absichten. Es sollte unter keinen Umständen als Therapie erwogen werden oder Therapien und Behandlung ersetzen. Wenn du dich Selbstmord gefährdet füllst, oder denkst, dich selbst zu verletzen, oder wenn jemand in Gefahr ist, wende dich an öffentliche Notrufstellen. Der Inhalte dieser Blogs und alle Blogs beschreiben die Meinung von L. Thompson. Wenn du Hilfe brauchst, kontaktiere qualifizierte psychologische Stellen.